Autobahn A555: Adenauers „Nur-Autostraße“ Köln–Bonn 

Adenauers und Horions „Nur-Autostraße“ Köln–Bonn (heutige A555)


Am 6. August 1932 eröffneten der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer und der Rheinische Landeshauptmann Johannes Horion die erste öffentliche, nur für Kraftwagen bestimmte und völlig kreuzungsfreie Straße Deutschlands: die Kraftwagenstraße Köln–Bonn, umgangssprachlich „Nur-Autostraße“ genannt. Sie entspricht der heutigen A555.

  • Feierliche Einweihung: 6. August 1932
  • ADAC-Sternfahrt: 6.–7. August 1932
  • Freigabe für den allgemeinen Verkehr: 8. August 1932

Offiziell hieß sie 1932 Kraftwagenstraße bzw. Kreuzungsfreie Kraftfahrstraße — nicht Autobahn. Zur Autobahn wurde sie erst 1958/1959 aufgestuft. Gleichwohl gilt sie als älteste öffentliche Autobahn Deutschlands: Anders als die Berliner AVUS von 1921 war sie gebührenfrei, dem allgemeinen Kraftwagenverkehr vorbehalten und durchgehend kreuzungsfrei.


Technische Daten im Überblick

MerkmalAngabe
Längeursprünglich 18,5 km, heute ca. 20 km
Fahrstreifenvierspurig (zwei je Richtung)
Mittelstreifenanfangs keiner
Höchstgeschwindigkeitausgelegt auf 120 km/h
Zwischenabfahrteneine einzige, bei Brühl/Wesseling
Endpunktejeweils ein großer Verteilerkreis in Köln und Bonn
Baukostenca. 8,6 Millionen Reichsmark
BauzeitEnde Oktober 1929 bis Sommer 1932 (ca. 33 Monate)

Die historischen Beweggründe

Die Straße entstand aus einer Verbindung von Verkehrskrise, regionaler Entwicklungsplanung und Arbeitsbeschaffung. Treibende Kraft der Provinzialverwaltung war Johannes Horion; der Provinziallandtag beschloss den Bau bereits 1926. Adenauer förderte das Vorhaben als Kölner Oberbürgermeister und Vorsitzender des Provinzialausschusses und eröffnete die fertige Strecke.

1. Pendler- und Wirtschaftsverkehr

Ende der 1920er-Jahre zählte die Verbindung Köln–Bonn zu den am stärksten belasteten Straßen im Deutschen Reich. Die alte linksrheinische Landstraße — später Fernverkehrsstraße 9 bzw. Reichsstraße 9, heute in der Nachfolge die B9 (nicht die B51) — führte durch Ortschaften wie Godorf, Wesseling und Hersel.

  • Zeitgenössische Angaben nennen rund 4.000 Fahrzeuge am Tag mit Spitzen von bis zu 1.800 Fahrzeugen in der Stunde.
  • Autos, Lastwagen, Pferdefuhrwerke, Fahrräder, Fußgänger und Straßenbahnen teilten sich dieselbe Trasse.
  • Enge Ortsdurchfahrten erzeugten Staus, Unfälle und Zeitverluste für den Wirtschaftsverkehr.

Die neue, anbaufreie Trasse sollte den schnellen Kraftwagenverkehr aus den Ortschaften herauslösen. Eine Polizeiverordnung vom 2. August 1932 behielt die Straße Kraftwagen vor; ausgeschlossen waren:

  • Fußgänger
  • Fuhrwerke
  • Radfahrer
  • Motorräder
  • Reitverkehr

2. Ausflugsverkehr an Rhein, Siebengebirge und Eifel

Zum werktäglichen Verkehr kam der wachsende Wochenend- und Ausflugsverkehr aus dem verdichteten Kölner Raum und dem Ruhrgebiet nach Süden:

  • Ziele: Rheintal, Siebengebirge und Eifel; auch das Ahrtal lag in dieser Richtung.
  • Die alte Landstraße war an Sonntagen regelmäßig überlastet.
  • Adenauer verband die Eröffnung ausdrücklich mit der Hoffnung, dass Zeitersparnis und Fahrkomfort dem Rhein und seiner Landschaft neue Freunde aus dem In- und Ausland zuführen würden.

3. Arbeitsbeschaffung in der Weltwirtschaftskrise

Die Bauarbeiten begannen Ende Oktober 1929 und wurden als Notstandsarbeiten der wertschaffenden Arbeitslosenfürsorge durchgeführt.

  • Rund 5.540 Arbeitslose aus dem Rheinland fanden Beschäftigung.
  • Schwere Maschinen wie Bagger und Förderbänder waren bewusst untersagt, damit möglichst viele Arbeitsplätze durch Handarbeit mit Hacke, Schaufel und Loren entstanden.
  • Die Baukosten lagen bei etwa 8,6 Millionen Reichsmark; ein erheblicher Teil wurde über Mittel der Arbeitslosenfürsorge und Zuschüsse des Reiches finanziert (darunter ca. 3,8 Millionen Reichsmark aus der Arbeitslosenfürsorge).

Zum historischen Kontext

Bei der Eröffnung prägte Adenauer den Satz:

„So werden die Straßen der Zukunft aussehen.“

Die Strecke setzte Maßstäbe — kreuzungsfrei, vierspurig, vom übrigen Verkehr getrennt —, blieb aber zunächst eine Provinzialstraße. Ein halbes Jahr nach der Eröffnung wurde sie von den Nationalsozialisten zur einfachen Landstraße (L 185) herabgestuft, um den Bau der „ersten Autobahn“ für eigene Propagandazwecke zu beanspruchen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und der Aufstufung zur Bundesautobahn (zunächst als A 72 ab 1958, ab 1974 als A 555) ging sie in das heutige Autobahnnetz ein.


Chronologie in Kürze

JahrEreignis
1926Provinziallandtag beschließt den Bau
Ende Oktober 1929Baubeginn als Notstandsarbeit
6. August 1932Feierliche Eröffnung durch Adenauer und Horion
8. August 1932Freigabe für den allgemeinen Verkehr
1933/34Herabstufung zur Landstraße (L 185) durch die Nationalsozialisten
1. April 1958/1959Aufstufung zur Bundesautobahn (zunächst als A 72)
1964–1966Ausbau auf sechs Fahrstreifen mit Mittelstreifen
1974Umbenennung in A 555

Quellen und weiterführende Überlieferung

  • LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum: Dokumentation zur Freigabe der Kraftfahrstraße Köln–Bonn am 6. August 1932 sowie Akten der Rheinischen Provinzialverwaltung zum Bau 1929–1932.
  • Zeitgenössische Berichterstattung, insbesondere der Kölnischen Zeitung zur Einweihung (Ausgaben vom 5. und 6. August 1932).
  • Autobahn GmbH des Bundes / Straßen.NRW: Darstellung der A555 als älteste öffentliche Autobahn Deutschlands.
  • Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, Rhöndorf: Nachlass und Überlieferung zu Adenauers Kölner Amtszeit.

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