Busfahrer fehlen in NRW – der Fachkräftemangel setzt den ÖPNV in der Region Bonn und Rhein-Sieg unter Druck

Wieviele Busfahrer fehlen in Deutschland und NRW – Fahrermangel setzt den ÖPNV in der Region Bonn und Rhein-Sieg unter Druck setzt

Busfahrermangel in NRW: Der öffentliche Nahverkehr in der Region Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis steht unter Druck. Nicht primär durch fehlende Busse oder Gleise, sondern durch fehlende Menschen hinter dem Steuer. Der Busfahrermangel in NRW und der bundesweite Personalmangel im ÖPNV sind längst keine abstrakte Branchenklage mehr. Sie treffen den Alltag der Fahrgäste und die Planungen der Verkehrsunternehmen konkret.

PS.: Dass die Stadtwerke Bonn 60 Strassenbahnen stillgelegt haben – von einem Tag auf den anderen – das ist nur einen Randnotiz.

1. Wie groß ist der Personalmangel im ÖPNV in Deutschland und aktuell in NRW – und welche Zahlen zeigen den Ernst der Lage?

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) beziffert die aktuelle Lücke klar: Es fehlen bereits rund 26.000 Busfahrer im deutschen ÖPNV. Bei etwa 100.000 beschäftigten Busfahrern bundesweit entspricht das einer spürbaren Unterdeckung von 20%. Zusätzlich werden mindestens 3.000 Triebfahrzeugführer gesucht.

Bis 2030 gehen allein im Bus- und Tram-Fahrdienst jährlich rund 6.000 Mitarbeiter in den Ruhestand. Um die politischen Wachstumsziele der Verkehrswende zu erreichen, bräuchte die Branche nach VDV-Angaben bis dahin etwa 20 Prozent mehr Personal im Fahrdienst – Zehntausende zusätzliche Stellen.

Für NRW und die Region Bonn/Rhein-Sieg liegen keine isolierten, aktuellen Sonderstatistiken vor, die das bundesweite Bild relativieren würden. Die Lage ist branchenweit. Stadtwerke und Busunternehmen in Ballungsräumen und ihrem Umland – darunter die SWB in Bonn – berichten seit Jahren von Rekrutierungsschwierigkeiten und zeitweisen Einschränkungen. Der Fahrermangel in der Region Bonn / Rhein-Sieg sind Teil desselben strukturellen Problems.

2. Warum ist der Altersdurchschnitt im Fahrdienst besonders hoch und welche Folgen hat das für den Betrieb in den kommenden Jahren?

Der Fahrdienst ist demografisch stark überaltert. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren 2022 bereits 40 Prozent der Bus- und Straßenbahnfahrer 55 Jahre oder älter – deutlich über dem Durchschnitt aller Erwerbstätigen (rund 26 Prozent). Nur etwa 14 Prozent waren unter 35. Der Altersdurchschnitt im Fahrdienst liegt laut VDV-Branchenumfragen über 50 Jahren.

Die Ursachen liegen in der Vergangenheit: Über Jahre hinweg wurden wegen politischer Sparvorgaben und Kostendruck zu wenig junge Fahrer eingestellt. Viele der heutigen Beschäftigten sind Quereinsteiger, die den Beruf relativ spät ergriffen haben.

Die Folge: In den kommenden Jahren scheidet eine große Kohorte aus, ohne dass genügend Nachwuchs nachrückt. Der Personalmangel wird sich dadurch verschärfen, bevor er sich entspannt.

Für den Betrieb bedeutet das: Die Personaldecke wird dünner, Überstunden und Dienstplan-Chaos nehmen zu, und die Fähigkeit, zusätzliche Leistungen (etwa dichtere Takte oder neue Linien) anzubieten, schwindet.

3. Welche Auswirkungen hat der Fahrermangel bereits heute auf Taktung, Zuverlässigkeit und Angebotsqualität in der Region?

Viele Verkehrsunternehmen mussten und müssen ihren Betrieb zumindest zeitweise einschränken.

Laut älteren und neueren VDV-Umfragen lag der Anteil der Betriebe, die personalbedingt Leistungen streichen oder ausdünnen mussten, zeitweise bei über 40 bis über 50 Prozent.

In der Praxis zeigt sich das in Bonn und Umgebung an verspäteten oder ausfallenden Bussen, ausgedünnten Randzeiten und Schwierigkeiten, bei Störungen oder Baumaßnahmen ausreichend Ersatzleistungen zu stemmen. Die Pünktlichkeit leidet, die Planbarkeit für Pendler und Schüler sinkt, und das Vertrauen in den ÖPNV erodiert. Gerade in einer Region, die in den kommenden Jahren mit größeren Bahn-Sperrungen und Schienenersatzverkehr rechnen muss, wird der Fachkräftemangel Bus und Bahn zum realen Angebotsrisiko.

4. Welche klassischen Gegenmaßnahmen (Gehalt, Arbeitsbedingungen, Ausbildung) werden diskutiert – und wo reichen sie nicht aus?

Die Branche setzt auf die bekannten Hebel:

  • höhere Einstiegsgehälter,
  • bessere Dienstpläne,
  • Sonderzahlungen,
  • betriebliche Altersvorsorge,
  • Quereinsteiger-Programme und
  • Imagekampagnen.

Die Große Deutschlandumfrage Fahrpersonal Bus & Bahn 2025 zeigt, dass Beschäftigte vor allem Wertschätzung, planbare Arbeitszeiten und finanzielle Zusatznutzen fordern.

Diese Maßnahmen sind notwendig und werden auch in Bonn und NRW verfolgt. Sie reichen jedoch nicht aus, um die demografische Lücke und die gleichzeitig gewünschte Angebotsausweitung zu schließen. Der Wettbewerb um Arbeitskräfte mit Logistik, Lieferdiensten und anderen Branchen ist hart. Selbst wenn mehr Menschen für den Fahrdienst gewonnen werden, bleibt der absolute Bedarf hoch – und der Zeitdruck durch die anstehende Verrentungswelle groß.

5. Welche neuen Betriebsmodelle und Technologien könnten helfen, den Personalbedarf langfristig zu senken und gleichzeitig das Angebot auszubauen?

Hier liegt der strategische Hebel, der über klassische Personalpolitik hinausgeht.

Autonome Lösungen – insbesondere Robotaxis und autonome Minibusse – können den Personalbedarf pro angebotener Fahrgastkilometer deutlich senken, ohne das Angebot zu kürzen.

Im Gegenteil: Sie ermöglichen

  • dichtere Takte in Randzeiten,
  • flexible Zubringerverkehre und
  • vor allem zuverlässigen Schienenersatzverkehr,

ohne dass dafür hunderte zusätzliche Busfahrer benötigt werden.

Für die Region Bonn und Rhein-Sieg ist das besonders relevant. Bei längeren Bahn-Sperrungen oder akuten Störungen kann ein Pool aus autonomen Fahrzeugen und Robobussen den klassischen Diesel-SEV ergänzen oder teilweise ersetzen.

Auf dem Land und in Außenbereichen ermöglichen die Stadtwerke Bonn bereits heute on-demand-fähige Taxibusse (mit Fahrer) ein Angebot, das mit klassischem Linienverkehr und Fahrermangel kaum darstellbar wäre.

Die Technologie ersetzt den Fahrer nicht über Nacht. Sie verändert aber die Gleichung: Weniger Personal pro Fahrzeug und pro Betriebsstunde, höhere Auslastung und die Möglichkeit, das bestehende Personal gezielter auf die Strecken und Zeiten zu konzentrieren, die weiterhin menschliche Fahrer brauchen.

Der Verkehrswende Personal-Engpass ist real. Wer ihn nur mit höheren Gehältern und mehr Ausbildung bekämpfen will, unterschätzt die demografische Dynamik. Wer gleichzeitig neue Betriebsmodelle und autonome Systeme denkt, kann den ÖPNV in der Region nicht nur stabilisieren, sondern ausbauen – mit weniger Abhängigkeit vom knappen Gut „Fahrer“.

Quellen und weiterführende Informationen:

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